Patho, Innere, Pharma, Biochemie: Bis zum Physikum wächst der Lernstoff zu einem Berg, an dem sich Semester für Semester neue Jahrgänge abarbeiten. Zwischen 10 % und 18 % fallen durch – die Physikums-Bestehensquote schwankt je nach Termin deutlich. Eine neue Studie hat vier Examenstermine ausgewertet: Frühjahr 2023, Herbst 2023, Frühjahr 2024 und Herbst 2024.
Das Ergebnis: Unter den Studierenden, die angaben, hauptsächlich mit AMBOSS gelernt zu haben, waren die Punktzahlen und die Bestehensquote höher als in der jeweiligen Gesamtkohorte. In drei der vier Examen war dieser Unterschied statistisch signifikant.
Datengrundlage waren die Antworten von 8.803 Studierenden, die im MEDI-LEARN-Examensservice angaben, primär mit AMBOSS gelernt zu haben. Verglichen wurden sie mit den vom IMPP veröffentlichten Gesamtergebnissen der jeweiligen Kohorte.
Wie hoch ist die Bestehensquote im Physikum?
Die offiziellen IMPP-Zahlen der vier untersuchten Termine zeigen, wie stark die Quote schwankt – Herbsttermine lagen dabei durchweg über Frühjahrsterminen. Jeweils zuerst die Bestehensquote aller Teilnehmenden, dann die der AMBOSS-Nutzer:innen:
- Frühjahr 2023: 81,96 % – unter AMBOSS-Nutzer:innen 85,79 %
- Herbst 2023: 90,20 % – unter AMBOSS-Nutzer:innen 92,28 %
- Frühjahr 2024: 83,49 % – unter AMBOSS-Nutzer:innen 84,86 %
- Herbst 2024: 90,48 % – unter AMBOSS-Nutzer:innen 92,55 %
AMBOSS-Nutzer:innen erreichten dabei eine bis zu 3,83 % höhere Bestehensquote als der Gesamtdurchschnitt (Frühjahr 2023). Über alle vier Examen hinweg lag die Quote im Durchschnitt 2,34 % höher.
Vier Examen, eine Frage: Wie hängen Lernmittel und Prüfungsergebnis zusammen?
Im M2 nutzen seit Jahren über 90 % der Studierenden AMBOSS zur Prüfungsvorbereitung – ein direkter Vergleich mit einer Gesamtkohorte ist dort kaum noch möglich. Im M1 liegt die Nutzungsquote bei rund 60 % und ist damit hoch genug, um belastbare Vergleiche zuzulassen.
Genau hier setzt die Analyse an:
- 4 unabhängige M1-Kohorten (F23, H23, F24, H24) mit fast 20.000 Prüfungsteilnehmenden
- 8.803 AMBOSS-Nutzer:innen, deren Antworten über den Examensservice erfasst und mit den offiziellen IMPP-Lösungen abgeglichen wurden – das sind 37 bis 50 % der jeweiligen Kohorte
- Statistischer Vergleich per einseitigem Einstichproben-t-Test (Punktzahlen) und Chi-Quadrat-Anpassungstest (Bestehensquote)
Beide Tests sind für genau diese Situation gemacht: Sie vergleichen eine Stichprobe mit einem bekannten Populationswert – hier den vom IMPP veröffentlichten Kohortenergebnissen. Dass die Stichprobe in diesem Mittelwert enthalten ist, ist dabei vorgesehen.
Damit knüpft die Studie an eine erste Analyse aus dem Frühjahr 2017 an, in der die AMBOSS-Kohorte einen Vorsprung von 11,8 Punkten erzielte. Diesmal wurde zusätzlich geprüft, ob der Unterschied auch statistisch signifikant ist – und ob er über mehrere Examen hinweg nachweisbar bleibt.
Höhere Punktzahlen, höhere Bestehensquote – in drei von vier Examen signifikant
In allen vier Kohorten lagen AMBOSS-Nutzer:innen vorn. Der Durchschnitt der AMBOSS-Nutzer:innen lag bis zu 5,3 Punkte über dem der Gesamtkohorte; über alle vier Examen gerechnet waren es 2,7 Punkte. Die Zahlen im Detail:
- Frühjahr 2023: 221,13 vs. 215,87 Punkte im Kohortendurchschnitt (t = 5,53; p < 0,001); Bestehensquote 85,79 % vs. 81,96 % (χ² = 13,32; p < 0,001)
- Herbst 2023: 232,10 vs. 230,10 Punkte (t = 3,78; p < 0,001); Bestehensquote 92,28 % vs. 90,20 % (χ² = 17,27; p < 0,001)
- Frühjahr 2024: 215,91 vs. 214,28 Punkte (t = 1,64; p = 0,050); Bestehensquote 84,86 % vs. 83,49 % (χ² = 1,49; p = 0,222, nicht signifikant)
- Herbst 2024: 231,76 vs. 229,97 Punkte (t = 3,07; p = 0,001); Bestehensquote 92,55 % vs. 90,48 % (χ² = 14,13; p < 0,001)
Als statistisch signifikant gilt alles unter p = 0,050. Nur das Frühjahr 2024 verfehlte diese Schwelle – und zwar knapp. In den übrigen drei Examen war unter AMBOSS-Nutzer:innen die Bestehenswahrscheinlichkeit höher, als es die Gesamtergebnisse erwarten ließen.
Der 2023/2024 gemessene Unterschied fällt kleiner aus als 2017. Ein Teil der Erklärung ist wahrscheinlich, dass sich die Vergleichsbasis selbst verschoben hat. 2017 nutzten erst 10–15 % der Studierenden AMBOSS; heute sind es über 60 %. Die Referenzgruppe „Gesamtkohorte" schließt AMBOSS-Nutzer:innen also zwangsläufig mit ein und wird durch deren Ergebnisse mit nach oben gezogen. Ein Vergleich mit einer vollständig unabhängigen Gruppe von Nicht-Nutzer:innen war mit den vorliegenden Daten nicht möglich.
Was das für deine Physikumsvorbereitung bedeutet
Zahlen ernst nehmen, aber einordnen. Die Werte basieren auf Selbstauskünften im Examensservice, nicht auf offiziellen IMPP-Einzelergebnissen. Da Studierende ihre Antworten dokumentieren, um eine realistische erste Einschätzung zu bekommen, gelten die Angaben als hinreichend verlässlich. Offen bleibt, ob alle Studierenden ihre Antworten gleichermaßen eintragen – wer keinen guten Prüfungstag hatte, tut das möglicherweise seltener. Die Werte der AMBOSS-Kohorte könnten dadurch etwas zu hoch ausfallen. Zusätzliche Lernmittel wie Anki, die viele parallel einsetzen, sind nicht separat erfasst.
Kein Kausalzusammenhang, aber ein konsistentes Muster. Die Analyse zeigt eine Assoziation zwischen Lernmittel und Prüfungsergebnis, keine Ursache-Wirkung-Beziehung. Über vier Examen hinweg bleibt die Größenordnung aber stabil: AMBOSS-Nutzer:innen schnitten im Schnitt besser ab und bestanden häufiger. Das gilt inzwischen für eine deutlich breitere und heterogenere Nutzerbasis als 2017.
Die vollständige Methodik, alle vier Kohortentabellen und die Chi-Quadrat-Einzelergebnisse liefert das AMBOSS-Whitepaper zum Nachlesen.
Zum Whitepaper: AMBOSS-Nutzung und M1-Ergebnisse – die vollständige Analyse
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Quellen
- Interne Daten von AMBOSS SE, Zeitraum 2018–2023.
- Lee, E., Cherkaoui, O., Tolman, Z. (2022). The Impact of Digital Medical Resources on USMLE Step 2 CK Scores – A Retrospective Study of 1,985 US Medical Students. [White Paper]
- AMBOSS-Nutzer erreichten höhere Punktzahl im Physikum | AMBOSS. (2017). 4–7. Ergebnisse Medizin M1 (Frühjahr 2023, Herbst 2023, Frühjahr 2024, Herbst 2024) | IMPP. https://www.impp.de/pruefungen/medizin/archiv-medizin.html
- Abercrombie, S., Bang, H., & Vaughan, A. (2022). Motivational and disciplinary differences in academic risk taking in higher education. Educational Psychology, 42(7), 895–912.
- Leinonen, J., & Denny, P. (2024). "Sometimes You Just Gotta Risk It for the Biscuit": A Portrait of Student Risk-Taking. Proceedings of the 2024 ACM Virtual Global Computing Education Conference V. 1, 102–108.
